FM Hagelkarte: Ein wachsendes Risiko sichtbar machen
Warum Hagelereignisse zunehmen und folgenschwerer werden

Hagel ist eine besondere Naturgefahr: Plötzlich auftretend, lokal begrenzt und oft als rein optischer Schaden abgetan – bis daraus ein ernsthaftes betriebliches Problem wird: durchlöcherte Dächer, gesprungene Oberlichter, zerstörte Verglasungen, beschädigte Dach- und Solaranlagen, die innerhalb weniger Stunden abgeschrieben werden müssen.
Die neue weltweite Hagelkarte von FM macht deutlich, dass Hagel kein regionales Randphänomen, sondern ein globales Risiko ist – auch in Regionen, die bislang nicht als hagelgefährdet galten.
Die Karte von FM verfolgt einen differenzierteren Ansatz zur Bewertung von Hagelrisiken: Nicht nur die Anzahl der Hageltage ist entscheidend, sondern die Auswirkung des Ereignisses auf Ihre Sachwerte. Die globale Hagelkarte von FM kombiniert mehr als 500.000 registrierte Hagelereignisse aus den Jahren 1955 bis 2024 mit Reanalyse- und Satellitendaten. Dazu nutzt sie ein Modell des maschinellen Lernens, das Hagelvorkommen und -intensität mit den entsprechenden Wetterbedingungen verbindet. Während viele klassische Karten vor allem die Häufigkeit betrachten, zeigt die FM-Karte zusätzlich Hagelkorngröße und kinetische Energie und liefert damit einen genaueren Hinweis auf potenzielle Bauschäden. In der Praxis bedeutet das den Unterschied zwischen ‚Hier kommt es gelegentlich zu Hagel‘ und ‚Hier besteht das Potenzial für erhebliche Dachschäden‘.
Warum gerade jetzt? Weil die finanziellen Warnsignale kaum noch zu ignorieren sind.
Unter Experten herrscht Einigkeit: Schwere Gewitter – insbesondere Gewitterstürme – zählen zu den wichtigsten Treibern steigender versicherter Schäden, wobei die Anfälligkeit gegenüber Hagel eine wesentliche Rolle spielt. Allein im ersten Halbjahr 2024 beliefen sich Branchenquellen zufolge die versicherten Schäden durch schwere Gewitter weltweit allein im ersten Halbjahr 2024 auf insgesamt 42 Mrd. USD. Diese Stürme machten in diesem Zeitraum rund 70 % der weltweit versicherten Schäden durch Naturkatastrophen aus. Auch 2023 zeigte sich derselbe Trend: Die weltweit versicherten Schäden durch schwere Gewitterstürme haben neue Höchststände erreicht, wobei die USA den größten Anteil ausmachen.
„Das Problem mit Hagel ist, dass er wie eine Überraschung wirkt – selbst dort, wo er eigentlich zu erwarten wäre“, erklärt Mike Hunneyball, Chief Operations Engineer von FM in Melbourne und Hagelexperte. Entscheidend ist nicht nur, wo die Gefahr besteht, sondern auch, wo Gebäude nicht dafür ausgelegt sind. Dächer werden häufig kostenoptimiert und lediglich auf minimale Leistungsanforderungen ausgelegt, während Fassaden meist nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet werden. Dachinstallationen werden häufig so ausgelegt, als müssten sie lediglich Regen standhalten. Besonders anfällig sind die Gebäudehülle – darunter Dächer und Fassaden –, Verglasungen, Freilagerflächen sowie dachmontierte Anlagen wie Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik und Solarsysteme. Mit anderen Worten, so Huneyball: „Ausgerechnet die Infrastruktur, die wir aufwendig modernisiert haben, erweist sich als besonders anfällig für Hagelschäden.“
Ein Überblick über Hagel – mit Beispielen aus besonders betroffenen Regionen
Zunächst das Naheliegende: Nordamerika. Hagel ist im Risikomanagement in den USA seit Langem ein fester Bestandteil – zunehmend problematisch ist jedoch das Ausmaß. Swiss Re hält das Auftreten von Schadenereignissen in Milliardenhöhe durch schwere Gewitterstürme für zunehmend wahrscheinlich. Treiber sind eine wachsende Exponierung durch verstärkte Bautätigkeit, steigende Immobilienwerte sowie die erhöhte Anfälligkeit versicherter Sachwerte gegenüber Hagel. Selbst langfristige öffentlich zugängliche Schadendaten verdeutlichen die Größenordnung dieses Risikos. Die archivierte NOAA-Datenbank zu „Milliardenschäden durch Naturkatastrophen“ verzeichnet für den Zeitraum 1980 bis 2024 insgesamt 203 schwere Sturmereignisse mit Gesamtschäden von rund 514,4 Mrd. USD (inflationsbereinigt).
Betrachten wir nun einen Kontinent, der traditionell nicht als hagelgefährdet gilt: Südamerika. Eine aktuelle globale klimatologische Studie zu sehr großen Hagelkörnern (> 5 cm) identifiziert den Norden Argentiniens als weltweiten Hotspot, gefolgt von der Dreiländerregion zwischen Uruguay, Paraguay und dem Süden Brasiliens. Hier wird besonders deutlich, warum das Thema „Hagel dort, wo man ihn am wenigsten erwartet“ ernst genommen werden sollte. Wer bei Hagelrisiken gedanklich noch immer an Regionen zwischen Colorado und Texas denkt, dürfte von Städten wie Córdoba oder Rosario überrascht sein – nicht, weil Hagel dort unbekannt wäre, sondern weil globale Portfolios ihn teilweise eher als landwirtschaftliches Problem denn als Risiko für Sachwerte oder die Betriebskontinuität betrachten.
Europa ist die weniger offensichtliche, aber ebenso bemerkenswerte Entwicklung – vor allem, weil sich das Risiko schneller verändert als die Wahrnehmung. Eine Studie aus Nature Geoscience zeigt, dass schwere Hagelereignisse in Europa besonders stark zunehmen und hebt Gebirgsregionen als Hotspots hervor: Nordost-Spanien, Südwest-Frankreich und Norditalien. Zudem zeigt die Studie, dass die Schäden durch schwere Gewitterstürme in Europa am schnellsten zunehmen. Die Hagelereignisse in Italien im Jahr 2023 verdeutlichen eindrücklich die Risiken einer hohen Schadenskonzentration. Wenn Sie Standorte im und rund um die Po-Ebene betreiben – entlang der Logistikachsen nach Mailand und Verona sowie in den dazwischenliegenden Industrieregionen –, sollte europäischer Hagel nicht länger nur als Risiko für Fahrzeugschäden betrachtet werden.
Australien benötigt in dieser Hinsicht keine Überzeugungsarbeit – internationale Stakeholder hingegen häufig schon. Der Hagelsturm von Sydney im Jahr 1999 dient weiterhin als wichtiger Referenzfall: Nach Angaben des Australian Disaster Resilience Knowledge Hub verursachte der Sturm versicherte Schäden in Höhe von 1,7 Mrd. AUD und führte zu weitreichenden Schäden im städtischen Raum. Würde sich der Hagelsturm von Sydney im Jahr 1999 heute wiederholen, träfe er auf eine Stadt mit deutlich veränderter Bebauung und einem ganz anderen Risikoprofil. In den vergangenen 25 Jahren wurden in Australien mehr als vier Millionen Photovoltaikanlagen auf Dächern installiert – überwiegend auf Wohn- und Gewerbegebäuden, die 1999 entweder noch nicht existierten oder nicht mit Solarmodulen ausgestattet waren. Der Insurance Council of Australia (Branchenverband der australischen Versicherungswirtschaft) schätzt, dass die versicherten Schäden eines vergleichbaren Ereignisses heute alleine aufgrund gestiegener Werte und höherer Bebauungsdichte von 1,7 Mrd. AUD im Jahre 1999 auf rund 8,8 Mrd. AUD ansteigen würden. Berücksichtigt man zusätzlich Millionen exponierter Solarmodule auf Dächern in Sydneys östlichen, westlichen und südlichen Vororten – Vermögenswerte, die bekanntermaßen anfällig für sehr große Hagelkörner sind – verschärft sich das Schadenpotenzial erheblich.
Die Lehre aus dem Hagelrisiko lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Gefährdung, Wertekonzentration und Anfälligkeit zusammen können einen einzelnen Nachmittagssturm zu einem Ereignis mit erheblichen finanziellen Auswirkungen machen.
Für Asien ist eine differenzierte Betrachtung erforderlich: Laut globalen klimatologischen Untersuchungen treten sehr große Hagelkörner dort grundsätzlich seltener auf als in den bekannten weltweiten Hotspots. Doch „seltener“ bedeutet nicht „nie“. Die Empfehlungen von FM bringen das operative Risiko treffend auf den Punkt: In Regionen mit seltenen Hagelereignissen erfolgt die Gebäudeplanung meist ohne Berücksichtigung entsprechender Risiken – genau jene seltenen, aber folgenschweren Ereignisse, die im Ernstfall unerwartet eintreten. Für globale Portfolios liegt genau darin die eigentliche Gefahr: Nicht das Risiko, das Sie kennen, sondern das, was Sie gedanklich ausgeschlossen haben.
Warum die weltweite Hagelkarte von FM besondere Aufmerksamkeit verdient.
„Die Stärke der Karte liegt in ihrer Standardisierung“, erklärt FM Experte Hunneyball. „Bislang beschränkte sich das Hagelrisikomodell auf die USA und Australien.“ Das neue Modell erweitert die Analyse auf globaler Ebene und kombiniert Beobachtungsdaten mit physikalisch basierten Modellansätzen.“
Es unterteilt das Risiko in drei Zonen – Moderate, Severe und Very Severe Hail (moderater, schwerer und sehr schwerer Hagel) – definiert anhand von Schwellenwerten der kinetischen Energie und abgestimmt auf etablierte FM Kriterien (einschließlich eines durchschnittlichen Wiederkehrintervalls von 15 Jahren und einer angenommenen Hageldichte). Für Risikoverantwortliche schafft dies eine einheitliche Terminologie für Standorte in sehr unterschiedlichen Kontexten – und reduziert die Abhängigkeit von lokalen Erfahrungswerten.
Hunneyball ergänzt, dass „Hagel dort besonders viel Schaden anrichten kann, wo man ihn unterschätzt“, da die Risikowahrnehmung häufig von persönlichen Erfahrungen geprägt wird. „In Mailand ist eine Hagelwoche im Sommer heute keine Überraschung mehr; in Singapur dagegen schon eher; und in Sydney ist es ein bekanntes Phänomen, das jederzeit wieder auftreten kann.“
Die Stärke der Karte liegt darin, dass sie sich nicht an persönlichen Erinnerungen orientiert. Entscheidend ist, was Daten und atmosphärische Bedingungen über Gefährdung und Schadenpotenzial aussagen.
Kurzfristige Einschätzung – langfristige Warnung
Aktuelle globale Studien zeigen, dass sich die Entwicklungen regional zunehmend auseinanderentwickeln: Europa weist in der globalen Analyse den stärksten Anstieg bei der Häufigkeit sehr großer Hagelkörner auf, während sich die Entwicklungen in anderen Regionen unterscheiden und Schadenzunahmen auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sind. Versicherer haben dabei eine klare Sicht auf die Schadensentwicklung. Expert*innen verweisen auf zunehmende Exponierung, steigende Anfälligkeit sowie die wachsende Wahrscheinlichkeit von Gewitterereignissen mit Schäden in Milliardenhöhe. In der Gesamtschau ergibt sich daraus keine Entwicklung hin zu „Hagel überall und jederzeit“, sondern vielmehr zu einem Szenario, in dem Hagel deutlich häufiger Gegenstand von Management- und Vorstandsdiskussionen ist.
Ein hilfreiches Denkmodell ist dabei: Hagel trifft moderne Strukturen besonders gezielt. Großflächige Verglasungen, leichte Dachkonstruktionen, Solaranlagen und Außenlagerflächen sind typische Merkmale effizienter, moderner Standorte. Gleichzeitig stellen sie potenzielle Schwachstellen dar. Die strategische Antwort darauf liegt weniger in kurzfristigen Reaktionen als vielmehr in vorausschauendem Risikomanagement: Nutzen Sie eine einheitliche Gefährdungsbasis, setzen Sie dort auf widerstandsfähige Materialien und Systeme ein, wo es entscheidend ist, und vermeiden Sie es, „selten“ mit „irrelevant“ gleichzusetzen.
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