Warum Risikoverantwortliche in der chemischen Industrie heute den Unternehmenserfolg maßgeblich mitbestimmen
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Warum Risikoverantwortliche in der chemischen Industrie heute den Unternehmenserfolg maßgeblich mitbestimmen


Jahrelang wurde Risikomanagement vor allem als Kontrollfunktion verstanden: Kosten senken, Risiken übertragen und reagieren, wenn es zu einem Schadenereignis kommt. In der chemischen Industrie war dieser Ansatz jedoch schon immer zu kurz gegriffen. Heute stößt dieser Ansatz angesichts immer häufiger auftretender und zunehmend systemischer Störungen branchenübergreifend an seine Grenzen.

Was sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten am stärksten verändert hat, ist die Vernetzung und Dynamik von Risiken. Naturgefahren, Cyberbedrohungen, klimabedingte Ereignisse, fragile Lieferketten und regulatorischer Druck treten nicht mehr isoliert auf, sondern verstärken sich gegenseitig. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Forschung von FM wider: 62 % der Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Fertigung und Technologie berichten, in den vergangenen drei Jahren mindestens eine schwerwiegende Betriebsunterbrechung infolge extremer Wetterereignisse erlebt zu haben. Gleichzeitig geben jedoch nur 41 % an, dass extreme Wetterereignisse regelmäßig auf Vorstandsebene thematisiert werden. Diese Lücke zwischen tatsächlicher Betroffenheit und organisatorischer Vorbereitung ist einer der Gründe dafür, weshalb Risikoverantwortliche heute zunehmend in strategische Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

Unmittelbare Auswirkungen

In der chemischen Industrie sind die Folgen dieser Komplexität unmittelbar spürbar. Standorte sind kapitalintensiv, hochgradig technisch geprägt und von Versorgungsleistungen sowie kritischen Anlagen abhängig, die sich nicht kurzfristig ersetzen lassen. Die Schadenstatistik von FM verdeutlicht dies: Transformatoren, die an vielen Chemiestandorten zu den kritischen Anlagen zählen, führten innerhalb von vier Jahren zu Schäden von mehr als 500 Mio. USD. Je nach Bauart können die Wiederbeschaffungszeiten zwischen sechs und 36 Monaten betragen. Lange Wiederherstellungszeiten nach einer Betriebsunterbrechung machen Risiko zu einer strategischen Herausforderung und nicht nur zu einer technischen Fragestellung: Wie schnell kann die Produktion wieder anlaufen? Können Kundenverpflichtungen erfüllt und Marktpositionen gesichert werden?

Schnelle Wiederherstellung als Wettbewerbsvorteil

Hier wird Resilienz konkret messbar – und nicht nur zu einem abstrakten Konzept. Der FM Resilience Index 2026 bewertet 130 Länder und Regionen anhand von 18 Resilienzfaktoren und stützt sich dabei auf Analysen realer Sachschäden. Eine der für Unternehmen wichtigsten Erkenntnisse zeigt ein eindeutiges Bild: Standorte in Ländern, die im Resilience Index unter den besten Fünfzig rangieren, kehren nach einem Schadenereignis im Schnitt mehr als 30 % schneller wieder zur Normalität zurück als solche in anderen Ländern. Eine schnelle Wiederherstellung der Betriebsfähigkeit verschafft einen Wettbewerbsvorteil. Sie wird maßgeblich durch Entscheidungen beeinflusst, die Verantwortliche in Bezug auf Anlagenauslegung, Instandhaltung, Ersatzteile und Schutzvorkehrungen treffen.

Gleichzeitig ist der Risikotransfer schwieriger geworden. Da Schäden zunehmend miteinander korrelieren und Versicherungskapazitäten selektiver vergeben werden, bleibt der Risikotransfer zwar wichtig. Er kann jedoch nicht die eigentliche Strategie sein. Die NatHaz-Studie von FM zeigt, warum technisch fundierte Resilienz heute aus finanzieller Sicht zunehmend an Bedeutung gewinnt: 44 % der für Risikomanagement verantwortlichen Entscheidungsträger geben an, dass die Versicherungskosten zu hoch sind, um einen vollständigen Versicherungsschutz zu erreichen. Nach ihrer Einschätzung deckt ihre Versicherung nur etwa die Hälfte der potenziellen Schäden ab; Versicherungsmakler*innen schätzen den Deckungsgrad sogar auf lediglich rund 40 %. Mit anderen Worten: Die finanzielle Stabilität eines Unternehmens hängt zunehmend von Schadenverhütung und einer schnellen Wiederherstellung der Betriebsfähigkeit ab – und nicht alleine von der Ausgestaltung des Versicherungsschutzes.

Von Schutz zur Leistungsfähigkeit

Wirksames Risikomanagement geht heute über die reine Identifikation und Berichterstattung von Risiken hinaus. Entscheidend ist vielmehr, Schutz- und Steuerungsmaßnahmen fest in die betrieblichen Abläufe zu integrieren. Gerade in der chemischen Industrie sind technische Details von entscheidender Bedeutung, da sie unmittelbaren Einfluss auf den Geschäftserfolg haben. Allein Rohrleitungsausfälle haben innerhalb von fünf Jahren Bruttoschäden von mehr als 300 Mio. USD verursacht. Häufig kam es dabei zur Freisetzung entzündlicher, brennbarer, gefährlicher oder toxischer Stoffe – Ereignisse, die sowohl erhebliche Sachschäden als auch längere Produktionsunterbrechungen nach sich ziehen können. Die Vermeidung solcher Schäden erfordert eine konsequente Prozesssicherheitskultur sowie Programme zur Sicherstellung der Anlagenintegrität, die Risiken wie Korrosion, Erosion, Kriechen, Materialermüdung und Überdruck gezielt adressieren.

Risikoverantwortliche gewinnen an Einfluss

Mehr Einfluss auf strategische Entscheidungen ergibt sich jedoch nicht automatisch. Risikoverantwortliche, die auf Führungsebene erfolgreich Einfluss nehmen, zeichnen sich durch zwei Dinge aus.

Erstens: Sie übersetzen technische Zusammenhänge in geschäftliche Auswirkungen. Sie schaffen die Verbindung zwischen technischen Gegebenheiten und den Prioritäten der Unternehmensführung – von Versorgungssicherheit und Kundenzuverlässigkeit über Kapitalallokation bis hin zur schnellen Wiederaufnahme des Betriebs. Diese Übersetzungsleistung ist entscheidend, denn viele Unternehmen überschätzen nach wie vor ihr Verständnis der tatsächlichen Risikolage: 95 % der Risikoverantwortlichen geben an, die Risiken extremer Wetterereignisse weitgehend oder vollständig zu kennen. Dem stimmen jedoch nur 67 % der Makler*innen zu. Zudem unterschätzen 74 % der Risikoverantwortlichen die Exponierung gegenüber Sturm- und Hochwasserrisiken in den Ländern oder Regionen, in denen sich geschäftskritische Standorte befinden. Engineering-basierte Risikobewertungen helfen dabei, diese Lücke zu schließen.

Zweitens: Sie schaffen Vertrauen. Vertrauen wächst mit der Zeit – durch Transparenz und eine enge bereichsübergreifende Zusammenarbeit. In komplexen Industrieanlagen ist Glaubwürdigkeit ebenso wichtig wie Fachkompetenz. Die Verantwortlichen in Betrieb, Instandhaltung, Engineering, Einkauf, Finanzen und Sicherheit müssen darauf vertrauen können, dass Risiken erkannt, priorisiert und aktiv gesteuert werden.

Handeln vor der Betriebsunterbrechung

Der beste Beleg für wirksames Risikomanagement ist vorausschauendes Handeln – bevor es zu einer Betriebsunterbrechung kommt. Allerdings zeigt die NatHaz-Forschung von FM, dass gerade hier nach wie vor erhebliche Umsetzungslücken bestehen. Makler*innen sehen in der Einbindung von Risk Engineering in die Planung und den Bau neuer Standorte die wirkungsvollste Maßnahme. Dennoch geben nur 28 % der Unternehmen an, diesen Ansatz vollständig umgesetzt zu haben. Ähnlich verhält es sich bei Investitionsentscheidungen für Anlagen: Makler*innen bewerten die Auswahl und Installation resilienter Anlagen als besonders wirkungsvoll, doch nur 23 % der Unternehmen haben entsprechende Maßnahmen vollständig umgesetzt. Gerade in diesen Bereichen – Planungsdisziplin, Resilienz kritischer Anlagen, Ersatzteilstrategien und Notfallplanung – können Unternehmen der chemischen Industrie Ausfallzeiten nachweislich reduzieren.

Deshalb wird Resilienz zunehmend nicht mehr als Option, sondern als zentrale Voraussetzung für langfristigen Erfolg verstanden. Echte Resilienz bedeutet nicht, jeden Schaden zu verhindern. Vielmehr geht es darum, die Auswirkungen von Schäden zu begrenzen und durch technisch robuste Anlagen eine schnelle Wiederherstellung zu ermöglichen. Vorbeugende Instandhaltung, durchdachte Notfallpläne und eine angemessene Bevorratung kritischer Ersatzteile reduzieren Ausfallzeiten und tragen dazu bei, die Stabilität von Lieferketten sowie das Vertrauen der Kunden zu sichern.

Deshalb ist Risikomanagement heute ein fester Bestandteil strategischer Entscheidungen. Nicht als Hindernis für Wachstum und Innovation, sondern als Voraussetzung für nachhaltigen Fortschritt. Denn in einem von Volatilität geprägten Umfeld entscheiden operative Zuverlässigkeit und eine schnelle Wiederherstellung zunehmend über die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens.